Das letzte Lebensjahr

Zur körperlichen, psychischen und sozialen Situation des alten Menschen am Ende seines Lebens

Andreas Kruse, Stuttgart 2007, Kohlhammer Urban-Taschenbücher, Grundriss Gerontologie - Band 21, ISBN 3-17-018066-5, SFr. 34.80

Buchcover Das letzte Lebensjahr

Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg und wiederholter Referent an Kongressen der SGG - SSG in der Schweiz, hat ein umfassendes Werk zur körperlichen, seelisch-geistigen und sozialen Situation des alten Menschen am Ende seines Lebens vorgelegt.

Was vor allem an diesem Buch überzeugt ist das breit gefächerte und gut geordnete Wissen interdisziplinärer gerontologischer Forschung, das im tiefen Respekt vor den Möglichkeiten und Grenzen der Gestaltung des Krankheits- und Sterbeprozesses entfaltet wird, vor der Einzigartigkeit jedes Menschen gerade in der Konfrontation mit Krankheit, Sterben und Tod sowie vor den bestehenden seelischen und geistigen Ressourcen des Menschen für ein selbstverantwortliches Leben in der letzten Phase dieses Lebens. Es werden zudem weitere bedeutende Einflussfaktoren für die Lebenssituation des alten Mensch im letzten Jahr erörtert: die fachliche und sittliche Kompetenz der behandelnden, pflegenden und betreuenden Menschen, die infrastrukturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen, unter denen Therapie, Pflege und Betreuung stattfinden, die Möglichkeiten der Teilhabe an sozialen und kulturellen Ereignissen sowie die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft mit Fragen des Kranksein und des Sterbens umgeht: "Inwieweit werden die Verletzlichkeit, die Vergänglichkeit und die Endlichkeit des menschlichen Lebens in die kulturellen Entwürfe eines "gelingenden" Lebens integriert? Inwieweit wird in diesen Entwürfen auch berücksichtigt, dass das Sterben nicht ein "inferiorer" Teil, sondern ein notwendiger Teil des Lebens ist, in dem auch die individuelle Sinngestalt zur Erfüllung kommen, sich verwirklichen kann?"

Die besondere Qualität dieses Buches wird bereits in der Einführung deutlich, in der drei individuelle Formen der Gestaltung des letzten Lebensjahres - Johann Sebastian Bach, Marion Gräfin Dönhoff und Bertold Brecht - erzählt werden, aus denen hervorgeht, dass Menschen trotz einer zum Tode führenden Erkrankung die letzten Lebensmonate geistig ausfüllen und diese auch seelisch als erfüllend wahrnehmen können. Es ist eine erste Sensibilisierung dafür, dass auch im Vorfeld des Todes ein Werden zu sich selbst möglich ist und Kategorien wie jene der Selbstachtung, der Selbstständigkeit, der Selbstverantwortung, der Sinnerfahrung und der sozialen Teilhabe ihre Berechtigung haben.

Dem Buch von Andreas Kruse liegt die Überzeugung zugrunde, dass wir Alternsprozesse nur dann angemessen zu verstehen in der Lage sind, wenn es uns gelingt, die für weite Teile gerontologischer Forschung nach wie vor typische "Aussensicht", die nach Potenzialen des Alters, dem Verlauf von Krankheitsprozessen oder relevanten Kontextbedingungen physischer, psychischer und sozialer Entwicklungsprozesse fragt, systematisch um eine "Innensicht" zu ergänzen, die die Art und Weise, wie Menschen ihr Leben interpretieren, in den Vordergrund stellt.

Die ersten Kapitel des Buches repräsentieren die Aussensicht auf das letzte Lebensjahr. Sie geben eine nach Altersgruppen und Geschlecht differenzierte Darstellung von Todesursachen, repräsentative Befunde zur Lebenssituation im letzten Lebensjahr, insbesondere zur Wohnsituation, zur Nutzung von Versorgungsangeboten und zu Sterbeorten. Des Weiteren wird auf Untersuchungen zum "Terminal Decline", dem beschleunigten Rückgang kognitiver Leistungsfähigkeit am Lebensende, eingegangen. Ausgehend von der These der Morbiditätskompression, die postuliert, dass es in Zukunft gelingen wird, die Anzahl der in Krankheit und Pflegebedürftigkeit verbrachten Lebensjahre insgesamt zu reduzieren und auf das Lebensende zu konzentrieren, wird der Zusammenhang zwischen Lebensalter und Gesundheitsausgaben behandelt.

Die nächsten Kapitel repräsentieren eine Innensicht auf das letzte Lebensjahr. Zunächst steht die Frage, wie Sterben und Tod in das Leben integriert werden können, im Vordergrund. Andreas Kruse zitiert hier Lyrik, Prosa und Essays, die in der rechtzeitigen Vorbereitung auf den Tod eine Voraussetzung für die Annahme des Lebensendes sehen. Vorgestellt und erörtert werden anschliessend psychologische Beiträge zur psychischen Situation Schwerkranker und Sterbender: die Möglichkeit einer Differenzierung verschiedener Phasen der Auseinandersetzung mit Sterben und Tod, verschiedene Modelle der Belastungsverarbeitung, empirische Befunde zum Bewältigungsverhalten bei schwerkranken Menschen, die Individualität des Sterbeprozesses, die Bedeutung von Entwicklungsprozessen in früheren Lebensabschnitten und die soziale Umwelt für die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod.

In einem weiteren Kapitel wird die Bedeutung religiöser und spiritueller Erfahrungen für die Entwicklung des Menschen - das Werden zu sich selbst - erörtert; dabei werden die Befunde empirischer Untersuchungen ebenso vorgestellt wie Erfahrungen von Religiosität und Spiritualität der "Innensicht".

Die letzten drei Buchkapitel beschäftigen sich mit dem Problem einer vorzeitigen Beendigung menschlichen Lebens. Es werden Einstellungen gegenüber Sterben und Tod, Positionen gegenüber aktiver Sterbehilfe und ärztlich assistiertem Suizid zusammenfassend dargestellt und kritisch analysiert. Die gängigen Argumente in der aktuellen Diskussion für eine Legalisierung von aktiver Sterbehilfe und assistiertem Suizid werden umfassend entkräftet und widerlegt. Das Buch schliesst mit einem umfassenden Plädoyer für Palliative Care und Hospizpraxis. Beachtenswert sind hier neben einer sorgfältigen Skizze der Fragen der Schmerztherapie, der Symptomkontrolle und psychosozialen sowie existenziellen bzw. religiös-spirituellen Begleitung die sechs Facetten der Selbstverantwortung.

Die Lektüre dieses Buches empfehlen ich von Herzen: ein grosses Buch, nicht im Format des Taschenbuches, aber in der Substanz, Breite und Tiefe der Heranführung an Krankheit, Sterben und Tod als menschliche Grenzerfahrung im Sinne Karl Jaspers.

Matthias Mettner

Die Buchrezension ist in der GERONTOLOGIE INFORMATION 2 / 2007 der Schweizerischen Gesellschaft für Gerontologie SGG - SSG publiziert worden.